Meine Stadt in der Stadt

Buch

Istanbul, Berlin und Amsterdam – ein Kaleidoskop aus Menschen, Begegnungen und dazwischen eine Beobachterin: Emine Sevgi Özdamar. In dem Erzählband „Der Hof im Spiegel“ zeichnet die deutsch-türkische Autorin ihre persönlichen Stadtpläne der Metropolen und lässt den Leser die Orte durch ihre Augen entdecken.

Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln

 

Sie sitzt in ihrer Wohnung in Berlin. Den Telefonhörer am Ohr, am anderen Ende die Mutter in Istanbul. Sie blickt in den Küchenspiegel und beobachtet den Hof. Was sieht sie? Die alte Nonne, die „Alice im Wunderland“ liest, den Pfarrer, den sie im Spiegel einen Schnurrbart malt, den alten Hartmut, der Baudelaire zitiert und mit dem sie durch alle Spiegel Tango tanzt, den neuen Mieter mit der Katze, dessen Schatten im Profil Goethe ähnelt.

Emine Sevgi Özdamar schafft in der Spiegelwelt einen dritten Raum: Der Spiegel, als Fenster zum Hof, als Brücke zu anderen Orten, als Verbindung zu den Liebsten, aber auch als Fenster in die Vergangenheit: „Ich war glücklich im Spiegel, weil ich so an mehreren Orten zur gleichen Zeit war.“

Wie der Spiegel in der ersten Erzählung, verwebt die türkischstämmige Autorin Beobachtungen und Begegnungen mit Gedichtzeilen und Gedanken und zeichnet ihre ganz persönlichen Geschichten in einer Stadt. Autobiographisches vermischt sich mit Gedichten, Realität mit Träumen. Als Reisende bewegt sie sich zwischen den Räumen: Im Spiegel, in den Straßen von Amsterdam, Berlin und Istanbul und auf der Theaterbühne.

In Istanbul aufgewachsen, in West-Berlin als Gastarbeiterin und in Ost-Berlin der 70er Jahre an der Volksbühne: Als Schauspielerin, Schriftstellerin und Regisseurin wurde das Unterwegssein ein Stück weit ihr Zuhause.

Wenn man ihr in Berlin folgt, macht man Halt am Papageienladen und am Bahnhof, wo die Menschen wie auf Fließbändern zu ihren Zügen gleiten. In Amsterdam findet sie immer zu dem Kanal, auf dem sie einst ein Fahrrad auf dem Eis liegen sah oder zu zwei Stühlen vor einem Café in der Nähe des Blumenmarktes. In Istanbul leuchtet der Mond „als wohnte er immer nur hier im Istanbuler Himmel, als liebte er nur Istanbul und polierte sich jeden Tag nur für diese Stadt.“

Aber auch die Sprache wird zur Reise, denn ihre Texte schreibt sie in Deutsch, die Sprache, die sie erst als Reisende und auf der Theaterbühne lernte: „Vielleicht liebt man an einer fremden Sprache genau diese Reise. Man macht auf der Reise viele Fehler, aber man kämpft mit der Sprache, man dreht die Wörter nach links und rechts, man arbeitet mit ihr, man entdeckt sie.“

Das Verwobene, das Spiel mit den Räumen und die Bedeutung, die Özdamar dem unscheinbaren Moment gibt, macht die Lektüre ihrer Erzählungen so lesenswert. Politische Realität wie Berliner Mauer, Doppelpässe und Gastarbeiter-Geschichten reflektiert sie auf ihre eigene Weise, manchmal ironisch, manchmal wehmütig und manchmal mit einem Vers von Brecht oder Heine. Man lässt sich mitreißen auf ihren Spaziergängen, durch die Städte, deren Stadtplan sie jedes Mal neu zeichnet: „Jeder hat in einer Stadt seine persönliche Stadt.“ Wie wahr, und wunderschön zugleich.

E.Kelpe

“Der Hof im Spiegel” VON Emine Sevgi Özdamar; GENRE: Erzählungen; VERLAG: kiwi; ERSCHEINUNGSJAHR: 2001 Deutschland; SPRACHE: Deutsch
BILDQUELLEN:

Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln

 

 

 

 

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2 Gedanken zu “Meine Stadt in der Stadt

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